Texte überarbeiten mit System

Texte überarbeiten mit System

Sie recherchieren tagelang, lesen Artikel und Bücher, klicken sich durch Webseiten und sprechen mit anderen Expert:innen: Sie tragen sorgfältig die Inhalte für Ihren Fachartikel zusammen. Dann tüfteln Sie an einem klugen Aufbau: Sie versetzen sich in Ihre Leser:innen hinein und wägen ab, in welcher Reihenfolge Sie das Thema am besten präsentieren. Beim Schreiben bemühen Sie sich um Klarheit, suchen nach passenden Bildern und veranschaulichen komplexe Zusammenhänge mit Beispielen.

Und dann lassen Sie den Text einfach so, wie er ist. Sie feilen nicht, Sie streichen nicht, Sie ergänzen nicht.

Das wäre fatal. Denn die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass Ihre Leser:innen bereits im ersten Absatz auf Komma- und Tippfehler stossen. Oder auf Wortdoppelungen, unnötige Passivformulierungen, Nominalstil oder schiefe Bilder. Seien Sie auf der Zielgeraden nicht achtlos! Ihre Leser:innen stufen Ihren Text viel eher als lesenswert ein, wenn Sie ihn sorgfältig redigieren.

«Sie sind nach dem letzten Satz nicht fertig. Sehen Sie das Redigieren als Teil des Schreibens.»

Rorig, 2020, S. 210

Überarbeiten braucht Haltung: Sie müssen Ihrem eigenen Text kritisch gegenübertreten, ihn auf Herz und Nieren prüfen, auch wenn das zuweilen eine unbequeme Arbeit ist. Fragen Sie sich, ob man wirklich versteht, was Sie schreiben und wie Sie es schreiben. Ihre Leser:innen werden Ihrem Text anmerken, ob Sie das Redigieren ernstgenommen haben. Betrachten Sie es so: Das Überarbeiten ist auch ein Service für Ihre Leser:innen – Sie erleichtern ihnen das Lesen durch einen sauberen Text.


Drei Tipps vorab

Bevor ich auf die Überarbeitungsstrategie und die verschiedenen Textebenen eingehe, noch drei hilfreiche Tipps vorab:

  • Planen Sie bereits am Anfang Ihres Schreibprozesses genug Zeit für die Überarbeitung ein. Es gibt Ratgeber, die empfehlen bis zu 50% der gesamten Zeit, die Sie für ein Schreibprojekt einplanen, für die Überarbeitung einzusetzen.
  • Schaffen Sie Distanz. Durch die intensive Arbeit am Text sind Sie «textblind» geworden: Sie sehen die eigenen Fehler nicht mehr. Legen Sie deshalb den Text ein paar Tage zur Seite; gewinnen Sie Abstand. Fehlt Ihnen dafür die nötige Zeit, ändern Sie die Schrift des Textes. Das hilft bereits, um ihn mit einem frischeren Blick zu lesen und zu überarbeiten.
  • Holen Sie Feedback ein. Legen Sie fest, zu was Sie eine Rückmeldung möchten und fragen Sie Ihre Kolleg:in gezielt danach, was ihr gefällt und was Sie verbessern könnten. Die Rückmeldung hilft Ihnen, den Text zu überarbeiten.

Überarbeiten Sie mit System!

Ihr Text ist ein komplexes Wortgeflecht. Beim Überarbeiten dröseln Sie es auseinander und fügen es wieder neu zusammen. Um dabei den Überblick zu behalten, brauchen Sie ein System: Verschaffen Sie sich zuerst einen Gesamteindruck. Danach arbeiten Sie sich Textebene für Textebene nach oben, bis es am Schluss nur noch die Oberfläche des Textes zu polieren gibt.

Wenn Sie sich zuerst um alle sprachlichen Korrekturen kümmern, vergeuden Sie womöglich wertvolle Zeit und Energie. Es kann nämlich sein, dass gerade die Teile, die Sie mühsam verbessert haben, inhaltlich wenig hergeben und am Schluss wegfallen. Schauen Sie deshalb aufs grosse Ganze: Legen Sie den Fokus zuerst auf den Inhalt und das Thema: Hier geht es nochmals um die Grundfesten Ihres Textes. Kümmern Sie sich danach um die Struktur und die Leseführung.


Inhalt und Thema

Die Inhalte sollten sich zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen. Ihr Text muss inhaltlich genug hergeben, damit sich die Überarbeitung auf dieser Ebene lohnt. Ist dies nicht der Fall, braucht es nochmals «vortextliche» Arbeit: Recherche, Lektüre, Gespräche, Schreiben an der Rohfassung.

  • Hat Ihr Text ein klar erkennbares Thema? Wird es bestimmt oder nur umrissen?
  • Haben Sie die relevanten thematischen Schwerpunkte gesetzt?
  • Gelingt es Ihnen, beim Thema zu bleiben oder schweifen Sie ab?
  • Sind die Kernaussagen präzise und klar erkennbar?
  • Gibt es Sprünge, Verkürzungen, Längen, Wiederholungen oder Widersprüche im Text?
  • Hat Ihr Text einen klaren Aussagewert?
  • Haben Sie das Vorwissen Ihrer Leser:innen richtig eingeschätzt und das Thema angemessen bearbeitet: nicht zu oberflächlich, nicht zu detailliert?

Struktur und Textkomposition

Alle Textteile sollten zur Entwicklung des Themas beitragen. Dass sie dies auf inhaltlicher Ebene tun, haben Sie anhand der Fragen im vorherigen Kapitel geprüft. Nun geht es darum, dass die Inhalte schlüssig aufeinander aufbauen und die Bezüge nachvollziehbar sind. Versetzen Sie Ihre Neuronen nochmals in Schwingung, jetzt sind Ihre kompositorischen Fähigkeiten gefragt!

  • Ist die Gliederung des Textes nachvollziehbar?
  • Ist die Ordnung Ihrer Gedanken schlüssig und bauen die Inhalte logisch aufeinander auf?
  • Sind die Absätze und Sätze aussagekräftig und bilden sie Sinneinheiten?
  • Ist jeder Absatz die folgerichtige Konsequenz aus dem letzten?
  • Ist jeder Satz die folgerichtige Konsequenz aus dem letzten?

Natürlich sind auch Überschriften für den roten Faden wichtig. Im Gegensatz zur thematischen Entwicklung, die im Fliesstext selbst herzustellen ist, sind Überschriften Strukturelemente, über die Sie den Aufbau Ihres Textes nochmals prüfen können. Um den roten Faden sichtbar zu machen, mussten Sie nochmals tief in den Text eintauchen. Bei der Überprüfung der Struktur geht es nun um die Vollständigkeit und eine klare Gliederung:

  • Haben Sie aussagekräftige Überschriften formuliert?
  • Hat der Text eine Einleitung, einen Hauptteil und einen Schluss?
  • Nutzen Sie Überschriften als Orientierungshilfen: Haben Sie jedes Kapitel mit einer inhaltlich treffenden Zwischenüberschrift versehen? (Im Gegensatz zu formalen Überschriften wie Einleitung, Hauptteil oder Schluss helfen inhaltliche Überschriften den Leser:innen, sich schnell zu orientieren.)
  • Prüfen Sie auch Strukturelemente, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind: Haben die Kapitel einen einleitenden Abschnitt, einen erkennbaren Hauptteil, eine Zusammenfassung und eine Überleitung zum nächsten Kapitel?

Viele dieser Punkte strukturieren den Text nicht nur, sie dienen auch der Leseführung. Aber da gibt es noch mehr zu beachten, wie im folgenden Kapitel zu lesen ist.


Leseführung

Bevor Sie sich an die Korrekturen auf sprachlicher Ebene machen, kümmern Sie sich um die Leseführung. Geben Sie den Leser:innen genügend explizite sprachliche Signale, damit sie wissen, wie sich die einzelnen Aussagen aufeinander beziehen. Solche sprachlichen Wegweiser helfen Ihren Leser:innen, sich im Text zu orientieren. Lesen Sie Ihren Text aus der Sicht des Publikums und führen Sie Ihre Leser:innen sorgfältig durch Ihren Text.

  • Moderieren: Kündigen Sie Inhalte an? Schaffen Sie Verknüpfungen? Ziehen Sie Bilanz?
  • Referieren: Führen Sie Ihren Gegenstand schlüssig ein? Haben Sie daran gedacht, Sachverhalte einzuordnen, zu interpretieren und zu diskutieren?
  • Überleiten: Sind die Übergänge zwischen den Absätzen und Kapiteln nachvollziehbar?
  • Signalisieren: Funktionieren die Vor- und Rückverweise? Sind die inhaltlichen und sprachlichen Bezüge klar und eindeutig?
  • Kommentieren: Erklären Sie, was wann, wie und weshalb gemacht wird? Setzen Sie diese textkommentierenden Signale angemessen ein?
  • Zusammenfassen: Absätze, die das Wichtigste in Kürze nochmals festhalten, sind hilfreich. Streichen Sie Redundanzen, die nicht beabsichtigt sind.

Zusammenfassung

Die Überarbeitung ist eine wichtige Phase im Schreibprozess. Unterschätzen Sie sie nicht und planen Sie genug Zeit dafür ein. Weil Rohfassungen oft knifflige Wortgeflechte sind, brauchen Sie ein System, um Ordnung reinzubringen: Arbeiten Sie sich vom Grossen zum Kleinen vor. Beginnen Sie mit der Inhaltsebene, kümmern Sie sich dann um den roten Faden, dann um die Überschriften und Zwischentitel und schliesslich um die Leseführung. Erst wenn Sie die übergeordneten Textebenen überarbeitet haben, ist die Zeit reif, Sprache und Stil in den Blick zu nehmen. Dazu mehr im Blogbeitrag Überarbeiten mit System II (folgt Mitte April). Die Checkliste aus unserem Webinar Guter Stil für verständliche Texte stellen wir gerne bereits jetzt zur Verfügung.


Literatur

Andra Klein (2017): Wissenschaftliche Arbeiten schreiben. Praktischer Leitfaden mit über 100 Software-Tipps.

Daniela Rorig (2020): Texten können. Das neue Handbuch für Marketer, Texter und Redakteure.

Marianne Ulmi et al. (2017): Textdiagnose und Schreibberatung.