Gute Fachtexte entstehen weder zufällig noch auf Knopfdruck. Sie sind vielmehr das Resultat von Denkprozessen, einem Gespür für die Zielgruppe und sprachlichem Geschick. Im Gespräch erklärt Stefan Höfler von der Schweizerischen Bundeskanzlei, was gutes Schreiben ausmacht und warum Schreiben auch im Zeitalter von KI eine Schlüsselkompetenz bleibt.
Über Stefan Höfler
PD Dr. Stefan Höfler ist Leiter der zentralen Sprachdienste, Sektion Deutsch, der Schweizerischen Bundeskanzlei. In dieser Funktion achtet er auf die sprachliche Qualität wichtiger Texte des Bundes – darunter Gesetze, Verordnungen und Botschaften – und prägt die Standards für verständliche Verwaltungssprache massgeblich mit. Er ist zudem Privatdozent für Rechtsetzungslehre und Rechtslinguistik an der Universität Zürich.
Daniel Stalder, Pentaprim: Was macht für Dich Schreibkompetenz aus – einmal abgesehen von korrekter Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik?
Stefan Höfler: Um gute Texte zu schreiben, braucht es vor allem drei Fähigkeiten: erstens die Fähigkeit, Kommunikationssituationen richtig einzuschätzen, zweitens die Fähigkeit, Inhalte übersichtlich zu strukturieren und in einer logischen Reihenfolge anzuordnen, und drittens die Fähigkeit, sich klar auszudrücken und die Dinge auf den Punkt zu bringen.
Kannst Du die einzelnen Fähigkeiten noch etwas ausführen?
Wenn ich einen Text schreibe, muss ich zuerst die Kommunikationssituation verstehen, in der ich mich befinde. Ich brauche zumindest eine grobe Vorstellung davon, wer meinen Text liest, welches Vorwissen diese Personen mitbringen und mit welchen Erwartungen sie an den Text herantreten. Sonst bleibe ich beim Schreiben zu stark in meiner eigenen Welt verhaftet und erreiche mein Zielpublikum nicht. Dann laufe ich Gefahr, dass mein Text nicht gelesen wird oder aber anders verstanden wird, als ich beabsichtigt habe.
Der zweite Aspekt betrifft die Struktur des Textes: Es geht darum, wie der Text gegliedert ist und in welcher Reihenfolge die Informationen präsentiert werden. Was muss die Leserin oder der Leser zuerst wissen, damit die nachfolgenden Dinge verständlich sind? Wie greife ich später im Text wieder auf, was ich vorher eingeführt habe? Wenn diese Logik nicht stimmt, bringen auch noch so gut gebaute Sätze und einfache Wörter nichts, weil dem Text der rote Faden fehlt.
Und schliesslich geht es um die Frage, ob es mir gelingt, in jedem einzelnen Satz das, was ich sagen will, auf den Punkt zu bringen. Drücke ich mich knapp und präzise aus? Verwende ich passende Wörter, die wirklich das treffen, was ich meine? Oder sagen meine Formulierungen vielleicht doch etwas leicht anderes aus, als sie sollen? Der Text mag dann zwar immer noch verstehbar sein, aber es wird schwieriger, den Gedankengängen zu folgen.
Kannst Du das mit einem Beispiel veranschaulichen?
Zu den Klassikern gehört etwa das Verb entsprechen, das oft verwendet wird, wenn eigentlich das Verb sein gemeint ist. In Verwaltungstexten findet man dann zum Bespiel Sätze wie Diese Massnahme entspricht der besten Lösung. Das klingt zwar gut, ist aber sprachlogisch falsch. Würde die Massnahme der besten Lösung lediglich entsprechen, so wäre diese beste Lösung nämlich etwas anderes. Die Formulierung Diese Massnahme ist die beste Lösung wirkt zwar weniger intellektuell. Sie drückt jedoch genau das aus, was gemeint ist, und ist darum besser verständlich. Beim Schreiben gilt also: Knapp vorbei ist auch daneben.
Wir leiten seit 2022 regelmässig Schreibkurse für Departemente und Ämter des Bundes und stellen bei den Teilnehmenden grosse Unsicherheiten beim Schreiben fest. Ihr redigiert beim Sprachdienst der Bundeskanzlei Texte unter anderem von Fachpersonen, die bei uns in den Schreibkursen sitzen. Wie schätzt Du die heutigen Schreibkompetenzen ein?
Spontan würde ich sagen, dass sich die Schreibkompetenzen im Sinkflug befinden. Dieser Eindruck kann aber täuschen. Klagt nicht jede Generation über den Zerfall der Sprache? Das Parlament hat den deutschen Sprachdienst der Bundeskanzlei in den 1970er-Jahren eingerichtet, weil es fand, dass die Schreibkompetenzen in der Bundesverwaltung ungenügend seien. Man war offenbar auch damals schon nicht zufrieden mit den Texten des Bundes. Wird also wirklich alles schlechter – oder sind die durchschnittlichen Schreibkompetenzen nie dort, wo die Profis sie gerne hätten?
Was man mit Sicherheit sagen kann: Es werden heute – nicht zuletzt aufgrund der zunehmenden Digitalisierung – so viele Texte geschrieben wie noch nie. Und weil alles immer schneller gehen muss, werden dann halt auch sehr viele Texte veröffentlicht, die man besser noch ein- oder zweimal überarbeitet hätte. Was abnimmt, ist also vielleicht nicht so sehr die Schreibkompetenz, sondern das Qualitätsbewusstsein für gute Texte.
Wer kompetent wirken will, sollte verständlich schreiben und sich nicht hinter hochgestochenen Formulierungen verstecken.
Wir haben festgestellt, dass viele Fachpersonen nach Bauchgefühl schreiben oder versuchen, bestehende Texte zu imitieren. Teilst Du diesen Eindruck?
Sprache funktioniert stark über Muster. Das ist nicht grundsätzlich schlecht: Um gut schreiben zu können, muss man sich der Konventionen einer Textsorte bewusst sein. Wer ständig in einem Umfeld arbeitet und liest, in dem eine bestimmte Art von Sprache dominiert, reproduziert diese Muster aber schnell einmal auch dort, wo es gar nicht sinnvoll ist. Hinzu kommen psychologische Hürden: Viele schreiben kompliziert, weil sie meinen, ihre Kompetenz unter Beweis stellen zu müssen. Dabei gilt gerade für Fachtexte: Klarheit ist ein Qualitätsmerkmal. Wer kompetent wirken will, sollte verständlich schreiben und sich nicht hinter hochgestochenen Formulierungen verstecken.
Wer Mühe mit dem Schreiben hat, erhofft sich von generativen KI-Tools wie ChatGPT, Gemini und Claude eine Entlastung beim Schreiben. Wo siehst Du sinnvolle Unterstützung?
Wer mit generativen KI-Tools arbeitet, sollte zuerst verstehen, wie sie funktionieren. Generative KI arbeitet probabilistisch – sie basiert also auf Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik. Die Tools verfügen über kein Fakten-Wissen, sondern liefern einfach die Wortfolgen, die im jeweiligen Kontext aufgrund der vorhandenen Daten am wahrscheinlichsten sind. Das tun sie auch dann, wenn es auf eine Frage eigentlich gar keine verlässliche Antwort gibt.
Weil sie häufig verwendete Formulierungen reproduzieren, kann man generative KI-Tools als Hilfsmittel beim Schreiben einsetzen. Früher hat man gedruckte Wörterbücher wie den Duden benutzt, um typische Wortverbindungen abzufragen. Später kamen digitalisierte Textkorpora dazu, z. B. das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache. Heute haben wir noch ein weiteres Hilfsmittel zur Verfügung, um ungelenke Textstellen zu verbessern: KI-Tools können uns Ideen liefern, wie wir einen Satz oder eine Textpassage besser formulieren könnten.
Die Nutzung von KI-Tools wird dann problematisch, wenn wir meinen, den Denkprozess abkürzen zu können, der jedem guten Text zugrunde liegt.
Worin siehst Du die Gefahren beim Einsatz von KI für das Schreiben von Fachtexten?
Die grösste Gefahr besteht wohl darin, dass man sich auch beim Inhalt auf die KI verlässt und sie dazu verwendet, vermeintliches Fakten-Wissen abzufragen. Dafür sind generative KI-Tools eben gerade nicht gemacht. Sie bringen inhaltslose Wortketten hervor und machen keine verlässlichen Aussagen über die Welt. Es ist sehr aufwändig, KI-generierte Texte nach inhaltlichen Fehlern abzusuchen: Die Fehler sind oft gut verpackt und nicht leicht zu erkennen. Besonders heikel sind etwa erfundene oder falsche Quellenangaben: wenn entweder Quellen angegeben werden, die es gar nicht gibt, oder solche, die es zwar gibt, aber die nicht das sagen, was der Text behauptet. Bei Texten, die von Menschen geschriebenen wurden, kann man sich darauf verlassen, dass der Inhalt mehr oder weniger stimmt. Bei KI-generierten Texten muss man dagegen jederzeit damit rechnen, dass der Inhalt erfunden ist. Der Aufwand, die Quellen zu überprüfen, steigt enorm.
Die Nutzung von KI-Tools wird aber auch dann problematisch, wenn wir meinen, den Denkprozess abkürzen zu können, der jedem guten Text zugrunde liegt. Friedrich Dürrenmatt hat einmal gesagt: «Arbeit an der Sprache ist Arbeit am Gedanken». Das Schreiben zwingt uns, Dinge zu klären, zu ordnen, zu Ende zu denken. Das Schreiben ist eines der besten Denkinstrumente, die wir haben. Das sollten wir nicht leichtfertig aufgeben.
Das Schreiben bleibt für Fachpersonen also auch im KI-Zeitalter eine Schlüsselkompetenz?
Absolut. Auch ein Text, der mithilfe von KI erstellt wurde, muss geprüft und überarbeitet werden, bevor man ihn veröffentlichen kann. Und dafür braucht es Schreibkompetenz – manchmal sogar noch mehr als bei einem herkömmlichen Text. KI-generierte Texte wirken auf den ersten Blick sehr professionell, sind aus kommunikativer Sicht aber oft mangelhaft. Zum einen ist die Autorin oder der Autor nicht greifbar. Spürt man die Stimme der Autorin oder des Autors nicht, bleibt ein Text aber schwer fassbar und unverbindlich. Umso mehr Schreibkompetenz braucht es, um diesen Effekt zu korrigieren.
Weil KI-generierte Texte meistens sehr geschliffen daherkommen, neigt man ausserdem dazu, Ungereimtheiten zu überlesen – und vorschnell zu glauben, man habe den Text verstanden. Einen schlechten Text eines Menschen zu verbessern, ist manchmal einfacher, weil die Bruchstellen offensichtlicher sind. Bei einem vermeintlich gut formulierten KI-Text braucht es oft mehr Schreibkompetenz, um die versteckten Schwächen aufzudecken und zu beheben.
Ein guter Text entsteht nicht in einem einzigen Wurf, sondern ist das Produkt mehrerer Überarbeitungszyklen.
Wie sollte Deiner Meinung nach Schreibkompetenz heute gefördert werden, damit Fachpersonen KI sinnvoll nutzen können, ohne dass sie ihre eigene Urteilskraft und Fähigkeit zum Schreiben verlieren?
Grundsätzlich sind die Anforderungen die gleichen wie vor dem KI-Boom: Fachpersonen müssen fähig sein, komplexe Inhalte klar, prägnant und verständlich zu vermitteln. Damit ihnen das gelingt, brauchen sie ein solides Sprach- und Schreibwissen – nur so können sie ihren sprachlichen Ausdruck bewusst steuern. Natürlich können sie beim Verfassen von Texten auch KI-Tools nutzen – der sichere Umgang mit diesen Tools gehört heute ebenfalls zur Schreibkompetenz. Dafür braucht es eine gute Ausbildung, gezielte Weiterbildungen und vor allem viel Übung und Praxis: Schreiben lernt man nur, indem man schreibt – egal ob mit oder ohne KI.
In unseren Schreibkursen erzählen uns die Teilnehmenden immer wieder, dass in ihrem Team klare Prozesse für das gemeinsame Schreiben von Fachtexten fehlen. Ausserdem sei die Feedbackkultur nicht gerade wertschätzend und zielgerichtet. Was sind Deine Tipps, um die Schreibkompetenzen auch im Team zu stärken?
Verständlichkeit muss gewollt sein. Ein Team muss sich darüber im Klaren sein, wen es mit seinen Texten erreichen will und was es dafür braucht. Und es muss sich Folgendes immer wieder bewusst machen: Ein guter Text entsteht nicht in einem einzigen Wurf, sondern ist das Produkt mehrerer Überarbeitungszyklen. Dann werden auch Verbesserungsvorschläge nicht als Angriff auf die eigene Person oder die eigenen Kompetenzen aufgefasst, sondern als ganz normaler Teil des Schreibprozesses. Wer Texte schreibt, muss lernen, Rückmeldungen anderer Personen anzunehmen und einzuarbeiten. Es geht darum, den Text zu planen, diesen Plan während des Schreibens allenfalls wieder anzupassen, Rückmeldungen einzuholen, weiterzumachen und sich am Schluss auch um die sprachlichen Details zu kümmern. Das ist anstrengend. Und es braucht Zeit. Verständliche Texte können nur entstehen, wenn sich ein Team diese Zeit auch wirklich nimmt.

