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Ich und meine innere Kritikerin

Ein Erfahrungsbericht über Schreibblockaden und wieso Reden hilft

Sobald ich den Kugelschreiber ansetze oder auf der Tastatur tippen will, ist sie wieder da und sagt: «Das kannst Du nicht!» Bei jedem Schreibprojekt ist diese lästige Begleiterin dabei: meine innere Kritikerin. Ihre Stimme ist laut und übertönt oft all meine anderen Gedanken: «Du kannst nicht schreiben! Du wirst es nie können! Gib auf!» Wegen ihr schiebe ich das Schreiben vor mich hin. Sie ist der Grund für meine Schreibblockaden. Wegen ihr komme ich immer wieder in Zeitnot. Ich leide unter meiner inneren Kritikerin. Höchste Zeit, etwas gegen sie zu unternehmen!

Ein Text von Christine Hämmerli

Die Geburtsstunde meiner inneren Kritikerin

Früher schrieb ich viele Briefe, Tagebücher und Geschichten. Es macht mir noch heute Spass, diese Texte zu lesen. Doch die Freude am Schreiben verging mir im ersten Semester des Studiums.

Die Rückmeldung zu meiner ersten Seminararbeit fiel vernichtend aus: Meine damalige Professorin teilte mir mit, dass ich ein Plagiat geschrieben hätte. Ich war schockiert – denn ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie man Aussagen aus Quellen richtig zitiert.

Die heftige Reaktion der Professorin hat bei mir Spuren hinterlassen: Sie nährte die Angst, beim Schreiben ständig etwas falsch zu machen. Das war die Geburtsstunde meiner inneren Kritikerin.

Mein Tiefpunkt: Abbruch des Studiums wegen einer Schreibblockade

Nach dieser Rückmeldung war meine innere Kritikerin bei jedem Text eine entmutigende Begleiterin. Sie stellte höchste Ansprüche an meine Texte und verlangte Perfektion. Das schürte meine Angst vor dem Scheitern, bevor ich überhaupt ein Wort geschrieben hatte.

Meine Schreibhemmungen wurden immer grösser. Am Ende hatte ich eine ausgewachsene Schreibblockade und sah keinen anderen Ausweg mehr, als das Studium der Islamwissenschaften abzubrechen – dabei hätte ich nur noch meine Bachelorarbeit schreiben müssen. Doch ich konnte nicht. Die innere Kritikerin übernahm die Kontrolle und liess meine Finger hartnäckig streiken. Ich hatte den Tiefpunkt erreicht.

So habe ich neuen Mut gefasst

Der erste Schritt aus diesem Tief ermöglichte mir der Wechsel des Hauptfachs: In der Erziehungswissenschaft lernte ich eine andere Art des wissenschaftlichen Schreibens kennen. Eine, die viel klarer geregelt war: Zuerst schreibt man eine Einleitung, dann beschreibt man den Forschungsstand, dann die Methode, anschliessend stellt man die Ergebnisse vor und in der Diskussion bespricht man diese.

Diese Strukturen liessen die innere Kritikerin vorerst leiser werden. Und in den Gesprächen mit anderen Studierenden kam ich ihrer Masche langsam auf die Schliche: Sie hatte selbst nie einen Vorschlag, wie ich einen guten Text schreiben kann – sie war nur destruktiv und nährte meine Ängste.

Als ich das begriff, zog ich einen Schreibcoach ins Vertrauen.

Die Wende schaffte ich im Schreibcoaching

David stellte mir an unserem ersten Gespräch einen prototypischen linearen Schreibprozess vor. Und er schob gleich hinterher: «Dieser lineare Schreibprozess entspricht nie der Realität! Unsere Schreibprozesse sind immer so angelegt, dass wir manche Schreibphasen mehrmals wiederholen. Und das ist auch gut so.»

Als wir vertieft über meinen Schreibprozess sprachen, merkte ich, dass mir meine innere Kritikerin über Jahre hinweg vorgegaukelt hatte, dass ein Schreibprozess geordnet verlaufen soll und dass ich von Beginn an einen fast fertigen Text schreiben muss. Mir wurde klar, dass das Schreiben immer ein Arbeits- und Denkprozess ist, der nie geradlinig verläuft. Ich begriff, dass es normal ist, einzelne Arbeitsschritte dieses Prozesses zu wiederholen, was eine grosse Erleichterung für mich war.

Mir wurde klar, dass selbst David als erfahrener Schreibcoach sich nicht einfach hinsetzen und einen fertigen Text schreiben kann. Auch er muss zuerst Zeit und Hirnschmalz aufwenden, um zu wissen, was er wie schreiben will. Und so konnte ich langsam, aber sicher die Erwartung loslassen, dass ich ab der ersten Minute ein perfekt eingegrenztes Thema habe und aus dem Nichts einen stilsicheren Text schreiben kann.

Dennoch: Ich stand erst am Anfang eines langen Besserungsprozesses. Es plagten mich noch immer Schreibblockaden und die innere Kritikerin nörgelte immer noch unüberhörbar an mir und meinen Texten rum. Sie verglich meine Textfassungen immer mit den veröffentlichten Texten von renommierten Wissenschaftler:innen. Diesen Ansprüchen fühlte ich mich nicht gewachsen.

So gelang mir schliesslich der Befreiungsschlag

Durch das Schreibcoaching stärkte ich meine Schreibkompetenzen und füllte meinen Werkzeugkasten mit verschiedensten Strategien. Diese helfen mir bis heute dabei, meine Schreibblockaden zu überwinden und mit dem Schreiben loszulegen:

  • Hauptbotschaft festlegen: Ich überlege mir zu Beginn eines Schreibprojektes, was meine Hauptbotschaft ist und wie ich diese mit starken Kernaussagen vermitteln kann. Die Kernaussagen vertiefe ich in klar strukturierten Absätzen. So habe ich bereits früh im Schreibprozess einen klaren Fokus. Und wenn diese Strategie gerade nicht funktioniert, zeichne ich ein Mindmap.
  • Ziele setzen: Ich setze mir realistische und erreichbare Ziele, die ich innerhalb von 30 bis 60 Minuten erreichen kann. Zum Beispiel nehme ich mir vor, zu einigen Kapiteln in 3, 4 Sätzen die zentralen Aussagen festzuhalten. Ob diese Sätze bereits einen zusammenhängenden Text ergeben oder nicht, spielt zu diesem Zeitpunkt noch keine Rolle.
  • Gelassen bleiben: Diese Haltung hilft mir, das Schreiben als eine Art Baukasten zu sehen: Ich habe verschiedene Bauteile und kann mir Zeit lassen, diese richtig zusammenzusetzen und miteinander zu verbinden. Dass nicht von Beginn an jedes Bauteil am richtigen Ort sein muss, gibt mir Gelassenheit und nimmt meiner inneren Kritikerin den Wind aus den Segeln.
  • Überarbeitung: Diese innere Ruhe nehme ich auch in die Überarbeitungsphase mit. Denn ich habe mittlerweile verstanden, dass ich nicht beim ersten Versuch den perfekten Satz schreiben muss. Ich kann mir Zeit lassen, um stilsichere Formulierungen zu finden.
  • Gedanken festhalten: Oft habe ich gute Gedanken, wenn ich nicht am Schreiben bin. Diese Gedanken festzuhalten, zum Beispiel mit einer Sprachnachricht an mich selbst oder mit einer Diktier-App, ist für mich sehr wertvoll. Manchmal schreibe ich meine Gedanken auch stichwortartig in mein Notizbuch.

Ich schreibe bewusster und habe die Kontrolle

Durch das Schreibcoaching wurde mir bewusst, wo und wie meine innere Kritikerin ihre Finger im Spiel hat: Ob Mails, Tagebucheinträge, Berichte oder Buchbeiträge – sie hemmt mich überall. Sie hat ihre Glaubenssätze so oft wiederholt, dass ich sie eine Zeit lang selbst geglaubt habe.

Deshalb setzte ich mich nun bewusst mit ihr auseinander: Wenn ich gerade nicht ins Schreiben komme, weil sie so laut ist, notiere ich, was sie mir sagt. Ich führe in meinem Schreibtagebuch ein Gespräch mit ihr.

Heute ignoriere ich die innere Kritikerin nicht mehr, sondern gebe ihr den Raum, den sie lautstark einfordert. Wenn sie brüllt, wende ich mich ihr zu und sage ihr: «Da ist Deine Bühne. Sag, was Du zu sagen hast. Dann aber wieder raus aus dem Scheinwerferlicht!» Wenn ich ihre Zweifel aufschreibe, übernehme ich die Kontrolle – und sie wird leiser. Und das wiederum gibt mir Mut und Freiraum, mit dem Schreiben loszulegen.

Ein weiterer Vorteil dieser Strategie: Ich schreibe bereits, wenn ich mich mit meiner inneren Kritikerin auseinandersetze – und das macht es mir manchmal einfacher, mit dem Schreiben eines Fachtextes zu beginnen.

Andere leiden ebenso wie ich – das muss aber nicht sein

Seit ich weiss, wie der Schreibprozess bei mir und anderen Menschen aussieht, sehe ich viel mehr Menschen um mich herum, die genauso leiden, wie ich gelitten habe! Ich sehe Kolleg:innen, die beim Schreiben manchmal so angespannt sind, dass die Luft zum Schneiden dick wird.

Oft sieht man aber das Leiden von anderen beim Schreiben nicht, weil wir nicht darüber sprechen. Und wir sprechen oft nicht darüber, weil zu viele auf ihre innere Kritikerin hören und sich das Ideal eines linearen Schreibprozesses und des perfekten ersten Textwurfs vorgaukeln lassen.

Meine Tipps für den Umgang mit der inneren Kritikerin

Diese Ratschläge helfen Dir hoffentlich, Deine Schreibblockaden zu überwinden und den Mut zu finden, mit dem Schreiben loszulegen:

  • Tritt in den Dialog mit Deiner inneren Kritikerin. Lass Dich nicht einschüchtern und gleiche das, was die innere Stimme sagt, stets mit der Realität ab: Sind Deine Ängste und Zweifel wirklich berechtigt? Ich wage zu behaupten, dass sie das oft nicht sind.
  • Tritt aus dem stillen Kämmerlein und rede über das Schreiben. Wenn Du nicht über Deine Herausforderungen sprichst, wird sich auch nichts ändern. Such Dir also jemanden, dem Du vertraust. Sobald Du über Deinen Schreibprozess sprichst, wirst Du merken, was Du verändern kannst. Dann wird Dir auch das Schreiben schon bald leichter fallen.
  • Das Reden über Deine Herausforderungen gibt Dir die Kontrolle. Das Reden nimmt Deiner inneren kritischen Stimme die ganze Schlagkraft. Dadurch gewinnst Du eine völlig neue Selbstwirksamkeit: Beim Reden zensierst Du Dich kaum – und Du kannst Deinen Gedanken freien Lauf lassen.
  • Schreiben ist ein Handwerk – erweitere Deinen Werkzeugkasten. Da kann die kritische Stimme sogar helfen: Vielleicht teilt sie Dir den einen oder anderen Punkt mit, an dem Du arbeiten kannst.

Das Schreiben hängt stark mit Deinem Denken zusammen. Wenn Du mit anderen Menschen über das Schreiben sprichst, hilft Dir das beim Denken: Es entstehen neue Ideen, starke Kernaussagen und stichhaltige Argumente. Dann musst Du das Ausgesprochene nur noch aufschreiben.

Geh also auf jemanden zu und rede über Deine Herausforderungen beim Schreiben. So lernst Du, bewusst besser zu schreiben.