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«Mit jedem Text näherst Du Dich Deiner Topform an»

Ein Gespräch mit Urs Häfliger über Schreibhaltung, Zerstreuung beim Schreiben und die Bedeutung einer starken Schreibkompetenz

Wer gute Texte schreiben möchte, braucht kein Talent, sondern die Bereitschaft, seine Schreibkompetenz stetig zu erweitern. Keine Geschichte zeigt das besser als die von Urs Häfliger. Als junger Journalist musste er mehr Kritik einstecken, als ihm lieb war. Diese Erfahrungen haben ihm aber geholfen, eine starke Schreibhaltung zu entwickeln. Heute betrachtet er jeden Text als Gelegenheit, seine Schreibe zu trainieren. Im Gespräch erfahren wir von Urs, warum er sich beim Schreiben zerstreuen muss und warum der einfache sprachliche Ausdruck eines der höchsten Güter für Schreiberlinge ist.

Daniel: Lieber Urs, Du hast für verschiedene Schweizer Tageszeitungen gearbeitet. Heute schreibst Du für einen Verband Print- und Online-Texte. Gib uns doch ein paar Einblicke in Deinen Schreiballtag.

Urs: Ich schreibe mehrheitlich kurze Texte, zum Beispiel für die Webseite, den Newsletter oder auch mal für unsere Social-Media-Kanäle. Hin und wieder steuere ich auch einen etwas längeren Text für unser Mitgliedermagazin bei. Das sind zum Beispiel Geschichten über Menschen und ihren Arbeitsalltag.

An was hast Du zuletzt geschrieben?

Zuletzt habe ich für ein Video einen Off-Text geschrieben. Das war eine sehr spannende Aufgabe, denn ich musste eine völlig neue Perspektive einnehmen. Wie schreibt man einen wirkungsvollen Text, der gesprochen wird und das Bild möglichst gut unterstützt? Keine einfache Aufgabe. Solche Texte sind aber die Ausnahme.

Wenn Du an Dein Tagesgeschäft denkst: Was ist Deine wichtigste Schreibroutine?

Es ist eine Routine, für die ich mich lange etwas geniert habe: Zerstreuung. Ist gehe etwa alle 30 bis 45 Minuten weg vom Text. Ich gehe an die frische Luft, hole mir einen Kaffee oder lese irgendwelche News. Ich muss einfach immer wieder weg vom Text. Das mache ich, solange ich an meinem ersten Entwurf arbeite. Von aussen wirkt das womöglich etwas unruhig, aber in diesen kleinen Pausen gelingt es mir, meine Gedanken zu ordnen. Bei der Überarbeitung muss ich mich nicht mehr so zerstreuen.

Fällt es Dir einfach, Texte aus der Hand zu geben?

Damit habe ich eigentlich keine Mühe; daran musste ich mich in meiner Zeit als Journalist gewöhnen. Allerdings merke ich, dass ich Rückmeldungen zu kurzen Texten sehr locker nehme. Sind die Texte länger, steigt die Komplexität des Aufbaus und der Struktur – und dementsprechend wird das Feedback auch mal umfassender: Passt die chronologische Gliederung oder wäre es besser, den Text thematisch zu strukturieren? Wird der Text den Erwartungen der Leser:innen gerecht? Weckt der Text Neugier und Leseinteresse? Gelingt es mir, die Leser:innen bei der Stange zu halten? Je nachdem, wie die Rückmeldung ausfällt, muss ich nochmals richtig Hirnschmalz aufwenden. Ich weiss, wie wichtig die Überarbeitung ist. Denn bei einem längeren Text muss die Adressatenorientierung wirklich passen. Eine kurze Meldung ist viel weniger komplex.

Was musstest Du beim Schreiben auf die harte Tour lernen?

Dass es auf die Wirkung des Textes ankommt. Eminem hat mal gesagt, dass es für ihn leicht sei, Wörter aneinanderzureihen. Aber es sei etwas ganz anderes, dass die aneinandergereihten Wörter auch eine Botschaft transportieren und eine Wirkung erzielen.

Aber was hat ein Rapper mit Fachjournalismus zu tun?

Nun, er benennt etwas, das auf jede Art des Schreibens zutrifft: Wer schreibt, der kommuniziert. Und wer kommuniziert, der hat immer ein Ziel. Das hatte ich in meinen Anfängen als Journalist noch nicht verstanden. So erhielt ich von den Chefredakteuren oft die Rückmeldung, dass ich die Texte «verschrieben» habe und den Storys etwas die Spannung fehle. Solche Feedbacks sind am Anfang hart – vor allem wenn Du versuchst, mit dem Schreiben Deinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Welche Lehren hast Du daraus gezogen?

Damals habe ich begriffen, dass ich mich intensiv mit der Sprache, dem Schreiben und mit der Wirkung des Geschriebenen auseinandersetzen muss. Erst als ich verstanden habe, dass man sich Know-how aufbauen muss, um bewusst und wirkungsvoll zu schreiben, wurde ich zu einem besseren Schreiber.

Was hast Du unternommen, um Deine Schreibkompetenz zu erweitern? Kannst Du uns ein paar Einblicke in diese Reise geben?

Ich habe Schreibratgeber gelesen und analysiert, was die Eigenheiten der verschiedenen Textformate sind. So habe ich mir nach und nach wichtiges Wissen aufgebaut, das unabdingbar ist, um gut zu schreiben. Ich habe auch begonnen, mich intensiv mit meinem eigenen Schreiben auseinanderzusetzen. So habe ich immer besser verstanden, was für mich gut funktioniert und was weniger. Der Schlüssel ist wohl, dass man dranbleibt und nie aufhört, seine Schreibkompetenzen verbessern zu wollen. Wenn Du das Schreiben meistern möchtest, musst Du üben, üben und noch mehr üben.

Ich sehe das gleich wie Du. Denn eines ist klar: Wenn wir mit Buchstaben arbeiten, haben wir nie ausgelernt. Wer nicht irgendwann eine bewusste Schreibkompetenz aufbaut, der wird nie genau verstehen, was er macht, wenn er schreibt.

Und wer wenig Schreibwissen hat, ist meistens auch nicht in der Lage, konkrete und konstruktive Rückmeldungen zu geben. Leider habe ich es früher oft erlebt, dass ich nur kritisiert wurde für meine Texte. Wie ich es hätte besser machen können, das habe ich in nur ganz wenigen Fällen erfahren.

Wenn wir schon dabei sind, was man besser machen könnte: Gibt es Schreibfallen, in die auch Du als Profi manchmal tappst?

Je komplexer ein Thema ist, desto eher verliere ich irgendwann im Schreibprozess den Blick für die Leser:innen. Es ist anspruchsvoll, komplexe Inhalte und Zusammenhänge für Menschen mit weniger Vorwissen verständlich aufzubereiten. Als Autor muss ich aufpassen, dass die Dinge nicht nur in meinem Kopf Sinn ergeben, sondern auch in den Köpfen meiner Leserschaft, denn die können die Wissenslücken nicht schliessen, wenn ihnen das Vorwissen fehlt. Deswegen ist die Überarbeitung bei längeren Texten so wichtig. Dort muss man die Leserorientierung unbedingt reinbringen. Beim Schreiben läuft alles über den Perspektivenwechsel.

Was ist Dein Rezept für einen guten Fachtext?

Zuerst musst Du die Dinge als Autor:in selbst verstehen. Erst dann schaffst Du es, selbst verstanden zu werden. Versuche ein Thema so zu durchdringen, dass Du fähig bist, es mit eigenen und einfachen Worten zu erläutern. Wenn die Sprache kompliziert wird, ist das immer ein Zeichen, dass Du das Thema selbst noch nicht richtig verstanden hast. Verständlichkeit schaffen – das ist das Wichtigste. Denn wer schreibt, der will auch verstanden werden.

Damit triffst Du den Nagel auf den Kopf. Leider verstehen das viele Fachtext-Autor:innen noch nicht. Und je näher sie an der Wissenschaft dran sind, desto mehr sind sie auf sich fokussiert und desto weniger sind sie sich bewusst, dass sie für ein Publikum schreiben.

Solche Texte sind dann voller Hürden und es ist mir schleierhaft, was diese Texte bewirken sollen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass diese Leute gar nicht kommunizieren wollen. Aber warum schreiben sie dann? Das Schlimmste ist ja für alle Autor:innen, wenn die Kommunikation scheitert. Das wäre mein Albtraum. Deswegen sehe ich den einfachen sprachlichen Ausdruck als eines der höchsten Güter für Schreiberlinge.

Damit leitest Du bereits meine nächste Frage ein: Welche Tipps möchtest Du mit jungen und unerfahrenen Fachtext-Autor:innen teilen?

Viele machen sich zu viel Druck. Man hat beim Schreiben so viele Möglichkeiten, Änderungen vorzunehmen und den Text zu verbessern. Wenn bei der Textproduktion nicht alles rund gelaufen ist, sieht das die Leserschaft ja nicht. Deswegen kann man ruhig auch etwas gelassener an die Schreibprojekte rangehen. Man muss also nicht von Anfang an den perfekten Text schreiben.

Ein zweiter Tipp betrifft die Auswahl von relevanten Inhalten. Menschen mit wenig Schreiberfahrung fällt es oft schwer, Informationen zu gewichten und gewisse Details wegzulassen. Für sie scheint alles wichtig zu sein. Da kann es helfen, sich klarzumachen, dass die Leser:innen ja nie wissen werden, was man weggelassen hat.

Auf welchen Deiner Texte bist Du besonders stolz? Und wieso?

Auf meine Fachtexte bin ich nicht wirklich stolz. Die sind gut und erfüllen ihren Zweck. Ich schreibe aber auch privat, meistens kleine Gedichte. Das kommt wohl von meiner Leidenschaft für Rap. Deswegen bin ich eher stolz auf meine amateurhaften künstlerischen Leistungen. Mir gefällt die japanische Gedichtform Haiku. Es geht um maximale Reduktion, und darin liegt dann auch die Poesie. Wenn es mir gelingt, in wenigen Worten etwas Bedeutungsvolles auszudrücken, dann freut mich das viel mehr als einer meiner veröffentlichten Fachtexte.

Gibt es einen Text, bei dem Du versagt hast? Falls ja: Was lief schief?

Ach, ich habe schon bei vielen Texten versagt. Ich habe schon schlechte Zitate ausgewählt, den Schluss nicht hingekriegt, den Anfang verbockt – und das jeweils mit einem Rüffel vom Chef bezahlt. Aber ich sehe es so: Beim Schreiben ist es wie im Sport. Du kannst aus jedem Training etwas rausnehmen, das Dich weiterbringt.

Diese Frage stellt Dir Christian Wymann, unser letzter Interview-Partner: Wie gehst Du damit um, wenn Du plötzlich für ein total anderes Fachgebiet schreiben musst? Wie sieht dieser Prozess aus, in ein neues Gebiet reinzukommen und fachlich korrekt darüber zu schreiben?

Du solltest bereit sein, Dich richtig tief in den Fachbereich einzuarbeiten. Und wenn Du Deinen ersten Text schreiben musst, bevor Du nach Deinem Empfinden genug tief im Thema drin bist, dann solltest Du Deinen Schreibauftrag und vor allem Dein Kommunikationsziel kennen. Wenn Du das kennst, dann schreibst Du einfach darauf zu. Ob das dann Dein bester Text wird? Wohl kaum. Aber Du kannst auch das als ein Training betrachten. Mit jedem Text näherst Du Dich Deiner Topform an. Und Du solltest Dir immer bewusst sein, dass Du nicht alleine bist: Löchere die Expert:innen um Dich herum mit Fragen, lasse Dir die Dinge erklären. Dann baust Du sehr schnell ein Verständnis für den neuen Fachbereich auf.

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