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«Ich habe aktuell schlicht nicht das Bedürfnis, eine Schreibroutine aufzubauen»

Ein Gespräch mit Christian Wymann über Schreibfallen, produktive Schreibstrategien und die Motivation, Fachtexte zu schreiben

Heute ist Christian Wymann ein Fachtext-Profi – das Schreiben fällt ihm meistens leicht. Doch das war nicht immer so: Während seiner Doktorarbeit hat er auch dunkle Schreibzeiten erlebt. Seine Schreiberfahrungen hat er mittlerweile in vier Schreibratgeber einfliessen lassen – vier Bücher, die seine Schreibexpertise eindrucksvoll unterstreichen. Im Gespräch erfahren wir von Christian, welche Schreiblektion er auf die harte Tour lernen musste, wie es ihm gelingt, effizient zu schreiben, und welche Schreibtipps er angehenden Sach- und Fachtext-Autor:innen weitergeben möchte.

David: Lieber Christian, Du hast Dir unter Schreibkundigen als Sachbuchautor einen Namen gemacht. Heute arbeitest Du als Autor und Redakteur bei foryouandyourcustomers. Welche Schreibaufgaben warten da auf Dich?

Christian: Heute schreibe ich vor allem Blogbeiträge, Whitepapers und Pressemitteilungen. Allerdings bin ich auch als Redakteur in ein Buchprojekt involviert, bei dem ich die zwei Autoren unterstütze. Zudem erarbeite ich momentan die Grundlagentexte für ein Sachbuch, das dann mein Chef schreiben wird. Diese Texte sollen den Einstieg ins Buchprojekt erleichtern und die Diskussion über die Darstellung des Themas anregen.

Du hast es also mit ganz unterschiedlichen Textsorten zu tun. Hast Du bestimmte Schreibroutinen, die Dir beim Schreiben dieser Texte helfen?

Als ich noch als Schreibcoach tätig war und Schreibratgeber schrieb, hatte ich Routinen. Damals ging ich sehr strukturiert vor: Ich reservierte mir Schreibzeiten im Kalender – zum Beispiel eine halbe Stunde –, setzte mich hin und legte los. Ich nahm mir jeweils vor, eine Mindestanzahl an Wörtern zu schreiben, meistens schaffe ich jedoch mehr als geplant.

Eine solche Schreibroutine habe ich heute nicht mehr, weil ich nicht mehr so tief in einem Thema drin bin. Bei meinem Arbeitgeber bin ich mit verschiedenen Themen konfrontiert, in die ich mich zuerst einarbeiten muss. Um ehrlich zu sein, aktuell habe ich schlicht nicht das Bedürfnis, eine Schreibroutine aufzubauen, da ich genügend Zeit zum Schreiben habe.

Etwas, was ich aber immer mache: Ich versuche so schnell wie möglich einen Entwurf rauszuhauen. Die Menschen um mich herum sind dann manchmal etwas verdattert und meinen: «Oh, der Entwurf ist schon da?»

Mit dieser Schreibstrategie kurbelst Du also Deine Produktivität an.

Genau. Meistens schreibe ich einfach drauflos – ich strukturiere selten zuerst. Das Strukturieren findet bei mir oft während des Schreibens statt. Man sollte schon den eigenen Schreibprozess und die eigene Schreibstrategie kennen – das predige ich ja auch in meinen Büchern.

Dieses Vorgehen funktioniert für mich: Ich schreibe einen Entwurf und hole mir frühzeitig ein Feedback dazu ein. Meine Entwürfe sind nie perfekt – das ist auch nicht mein Anspruch zu diesem Zeitpunkt. Ich gebe den Text lieber früh aus der Hand und hole mir eine Rückmeldung zu meinen Gedanken ein, als dass ich ewig an der Form herumfeile.

Wie gehst Du vor, wenn Du ein Feedback einholst? Um was bittest Du Deine Kolleg:innen jeweils?

Ich wünsche mir von meinen Kolleg:innen, dass sie meinen Text kommentieren. Ich möchte bei einem Entwurf wissen, ob der Text inhaltlich verständlich ist und ob der Stil zum Zielpublikum passt. Sie sollen meine Rohfassung nicht redigieren, mich interessieren vielmehr ihre allgemeinen Einschätzungen. Dieses Vorgehen ist in der Regel sehr produktiv.

Gibt es etwas, das Du beim Schreiben auf die harte Tour gelernt hast?

Wenn man sich nicht hinsetzt und nicht mit dem Schreiben beginnt, wird der Text nie da sein. Das habe ich bei meiner Dissertation schmerzhaft erfahren müssen. Man muss sich hinsetzen, etwas schwitzen und etwas bluten. Aber das lohnt sich: Hard work pays off.

Kürzlich habe ich noch etwas auf die harte Tour gelernt: Wenn ich einen Schreibauftrag erhalte, muss ich genau abklären, was die Person von mir will: Welche Textsorte ist gewünscht? Wie lange soll der Text werden? Wie viel Tiefgang erwartet das Publikum? Wer ist überhaupt das Publikum? Und was sind die Erwartungen an den Stil? Wichtige Fragen, die ich bei meinem letzten Auftrag nicht vollständig geklärt habe. Ich habe viel Zeit in den Text investiert, aber voll danebengegriffen. Der Auftraggeber war mit dem Resultat nicht zufrieden. Zum Glück konnten wir das ausdiskutieren. Jetzt habe ich dieses Thema wieder auf meinem Radar.

Gibt es Schreibfallen, in die auch Du als Fachtext-Profi tappen kannst?

Trügerisch ist das Gefühl, dass ein Text vollendet ist, wenn ich ihn veröffentlicht habe. Ich denke bei publizierten Texten von mir immer wieder: Das hätte ich noch besser, noch treffender, noch klarer schreiben können. Ich sollte nie glauben, dass ein publizierter Text perfekt ist. Und ich darf nie das Gefühl haben, alles zu wissen. Diese Selbstreflexion ist sehr wichtig, damit ich nicht faul werde und mich nicht auf meinen Lorbeeren ausruhe. Um nicht in diese Schreibfalle zu tappen, hilft mir Textfeedback übrigens ungemein.

Kannst Du benennen, was ein guter Fachtext ausmacht?

Darüber habe ich vor Kurzem auch nachgedacht. Ein guter Fachtext über- und unterfordert Leser:innen nicht – er holt sie am richtigen Ort ab. Die Leser:innen lernen natürlich immer etwas Neues. Ein guter Fachtext schafft es darüber hinaus, die Leser:innen für das Thema zu begeistern – selbst wenn es um eine grundsätzlich trockene Materie geht. Das war mir bei meinen Büchern immer wichtig. Ein guter Fachtext vermittelt Informationen, begeistert Menschen, bringt sie zum Nachdenken und bringt ihnen etwas bei. Das ist für mich die Magie eines guten Fachtexts.

Diese Magie spürt man vor allem in Deinem letzten Buch Mind Your Writing. Wenn Du nun an junge oder unerfahrene Sach- und Fachtext-Autor:innen denkst: Welchen Expertentipp möchtest Du ihnen mitgeben?

Ach, es gibt so viele! Darf ich auch drei Tipps geben?

Klar.

Mein erster Tipp findet man auch in meinen Büchern: Du musst Dich als Schreiberling selbst sehr gut kennenlernen. Wenn Autor:innen verstehen, wie sie selbst funktionieren, dann ist das Schreiben befriedigend, dann sind sie produktiv, dann sind sie zufrieden mit dem, was sie veröffentlichen.

Mein zweiter Tipp: Du musst offen dafür sein, dazuzulernen. Das hat auch mit Selbstreflexion zu tun, die ich allen Fachautor:innen wünsche. Nur wer über sein Schreiben nachdenkt, schafft es, seine Stärken auszubauen und seine Schwächen zu mindern. Das würde vielen Menschen helfen, ihre Schreibprojekte erfolgreich abzuschliessen.

Und mein letzter Tipp: Wenn Du weisst, was Du machst, machst Du es in der Regel besser. Gerne veranschauliche ich das mit zwei Vergleichen: Wenn Du ohne zu überlegen im Fitnessstudio Gewichte stemmst, läufst Du Gefahr, Dich zu verletzen. Wenn Du aber weisst, was Du tust, gelingt es Dir, Deine Muskeln kontrolliert aufzubauen. Das gilt auch für den Schachsport. In einem Buch des ehemaligen Schachweltmeisters Garry Kasparov habe ich Folgendes gelesen: Du musst immer wissen, was Du machst – welchen Zug Du spielst. Nur eine Entscheidung zu treffen, reicht nicht. Du musst wissen, wieso Du diese Entscheidung triffst.

Lange Rede, kurzer Sinn: Sei bereit, an Deinen schlechten Gewohnheiten zu arbeiten, baue Wissen über das Schreiben auf und mache mehr von dem, was für Dich funktioniert.

Hast Du Dir schon mal überlegt, Deine Schreibkompetenzen zu erweitern? Dann vereinbare jetzt ein kostenloses Erstgespräch für ein Schreibcoaching.

Von den jungen Sach- und Fachtext-Autor:innen zurück zu Dir: Auf welchen Deiner Texte bist Du besonders stolz?

Ich bin eigentlich auf all meine «Buchkinder» stolz. Am besten gefällt mir aber mein Schreibratgeber Mind Your Writing, weil ich ihn auf Englisch geschrieben habe und er die Kulmination meiner Gedanken und Kenntnisse aus sieben Jahren als Schreibcoach ist. Und mich freut es, dass das Buch weltweit in Bibliotheken ausleihbar ist.

Was wäre eine Frage, die Du Dir gerne selbst stellen und beantworten möchtest?

Eine Frage, die mir die Verlegerin Barbara Budrich kürzlich in einem Gespräch zu einem anderen Thema gestellt hat: Was ist meine Motivation, Fachtexte zu schreiben?

Und Deine Antwort?

Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich die Frage gescheit beantworten kann. Vielleicht so: Ein Grundbedürfnis von mir ist es, anderen Menschen Wissen zu vermitteln. Sei das in einem Coaching, in einem Workshop oder eben mit einem Fachtext. Ich möchte das immer auf eine sachliche und bereichernde Weise tun. Das Ziel muss es also immer sein, dass die Menschen etwas Neues lernen. Ich glaube, das ist meine Motivation, Fachtexte zu schreiben.

Zum Abschluss: Unser nächster Interview-Gast ist Urs Häfliger, er ist als Fachredakteur tätig. Welche Frage möchtest Du ihm stellen?

Eine Knacknuss: Wie gehst Du damit um, wenn Du plötzlich für ein total anderes Fachgebiet schreiben musst? Wie sieht dieser Prozess aus, in ein neues Gebiet reinzukommen und fachlich korrekt darüber zu schreiben?

Hier geht es zu allen «Buchkindern» von Christian:

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