Ich war zu Gast bei Yvo Wüest im Podcast «Education Minds». Wir haben darüber gesprochen, warum die komplizierte Sprache sich so hartnäckig hält, was gehirngerechtes Schreiben mit didaktischer Reduktion zu tun hat – und warum Schreibkompetenz beim Schreiben von Fachtexten gerade im KI-Zeitalter wichtiger ist denn je.
Dieser Blogbeitrag fasst das Wesentliche aus der Podcast-Folge «Fachtexte stilsicher und gehirngerecht schreiben» zusammen. Das ganze Gespräch findest Du auf Education Minds oder auf Spotify.
Über Yvo Wüest
Yvo Wüest ist Trainer in der Erwachsenenbildung, Buchautor und Moderator der LinkedIn-Fachgruppe #DidaktischeReduktion. In seinem Podcast «Education Minds» spricht er regelmässig mit Fachleuten über Didaktik, Lernen und Erwachsenenbildung.
Yvo Wüest: Euer Buch trägt auf dem Cover ein stilisiertes Gehirn mit einem Bleistift hinter dem Ohr. Was bedeutet in diesem Kontext «Fachtexte stilsicher schreiben» – und was steckt hinter dem Bild auf dem Cover?
David Bisang: Fachtexte stilsicher zu schreiben bedeutet, stets die Adressat:innen im Blick zu haben und sich zu fragen: Was wissen sie? Wie ist es um ihre sprachlichen Kompetenzen bestellt? Wie werden sie meinen Text lesen? Das Bild mit dem Gehirn hat uns der Verlag vorgeschlagen – und es schien uns passend: Ein wesentlicher Baustein unserer Schreibkurse ist die Botschaft, dass wir gehirngerecht schreiben müssen.
Gehirngerecht bedeutet, dass wir das Wissen rund ums Gehirn beim Schreiben einbeziehen sollten. Ein Beispiel: Unser Arbeitsgedächtnis – also der Teil, der Informationen beim Lesen aktiv aufnimmt – kann sich Inhalte nur rund zwei bis drei Sekunden lang merken. Die Konsequenz: Lange und verschachtelte Sätze sind beim ersten Durchlesen nicht erfassbar und zwingen die Leser:innen, einen Satz nochmals zu lesen. Und dabei spielt es keine Rolle, wie gebildet oder klug die Leser:innen sind.
Du hast mir im Vorgespräch erzählt, dass Du erst nach dem Studium wirklich verstanden hast, wie wissenschaftliche Sprache funktioniert. Was genau war dieser Aha-Moment – und warum hat man diese Erkenntnis so oft nicht schon während des Studiums?
Ein erster Aha-Moment war, als ein Chef zu mir meinte: «Du kannst Deine E-Mails nicht so schreiben, wie Du wissenschaftliche Artikel schreibst. Das versteht niemand und will auch niemand lesen.» Er schickte mich daraufhin in einen Korrespondenzkurs – und das nach meinem Masterabschluss. Als ich etwas beleidigt im Kurs sass, entdeckte ich einen ganz neuen Zugang zur Sprache: Ich verstand, dass wir Texte schreiben, um mit anderen zu kommunizieren – egal ob es eine E-Mail oder ein Fachtext ist. Und dass wir uns sprachliches Wissen und Schreibstrategien erarbeiten müssen, um einen Text für unser Gegenüber verständlich schreiben zu können.
Einen weiteren grossen Aha-Moment hatte ich während meiner Ausbildung zum Schreibberater: Das Schreiben ist ein komplexer Prozess, der verschiedene Phasen und viele verschiedene Aufgaben umfasst. Schreiben ist so viel mehr als nur das Schreiben selbst. Ich habe verstanden, wie wichtig das Bewusstsein ist, dass das Schreiben ein Prozess ist, bei dem man gewisse Phasen mehrere Male hintereinander durchläuft und Aufgaben priorisieren muss.
Dass diese Erkenntnis während des Studiums ausbleibt, liegt oft daran, dass man dabei vor allem imitiert: Man schaut, wie andere Texte funktionieren, und probiert dasselbe. Man denkt nicht bewusst über den eigenen sprachlichen Ausdruck nach – schlicht, weil man das Vokabular dazu gar nicht hat. Genau das diskutieren wir immer wieder in unseren Schreibkursen: Es wird so viel Text produziert, aber oft unbewusst. Mit unseren Coachings und Kursen erhalten die Menschen Kompetenzen an die Hand, um benennen und begründen zu können, was sie da machen.
Schreiben ist ein komplexer Prozess und umfasst so viel mehr als nur das Schreiben selbst.
Du siehst Parallelen zwischen didaktischer Reduktion und dem gehirngerechten Schreiben von Fachtexten. Welche?
Ganz viele! Gerade bei Fachtexten gilt: Man muss Inhalte auswählen und den Mut haben, andere wegzulassen. Man darf nicht in die Expert:innenfalle tappen und das gesamte Fachwissen in einen Text kippen wollen. Das ermöglicht einerseits den Fokus beim Schreiben und andererseits – was noch wichtiger ist –, dass die Leser:innen die Fachinhalte überhaupt aufnehmen und verdauen können. Nur wer sein Publikum kennt und seine Inhalte entsprechend reduzieren kann, verankert die zentralen Botschaften wirklich in den Köpfen der Leser:innen.
Expert:innen haben oft Respekt davor, Inhalte wegzulassen, weil sie so viel wissen. Wir sagen immer wieder: Wählt mit Blick auf eure Adressat:innen aus. Reduktion ist aus unserer Sicht kein Verlust an Fachlichkeit – mit ihr wertschätzt man die Zeit der Leser:innen und schafft es, mit ihnen erfolgreich zu kommunizieren.
Viele Fachtexte sind unnötig kompliziert – oft aus Gewohnheit. Was macht diese akademischen Schreibmuster so hartnäckig, selbst bei erfahrenen Fachpersonen?
Das hat aus unserer Sicht mehrere Gründe:
Erstens sind wir Gewohnheitstiere – und wer sich einmal an einen Schreibstil gewöhnt hat, tut sich schwer, ihn umzustellen.
Zweitens hat die Wissenschaftswelt ihre eigenen Regeln. Leider scheint es in vielen Kreisen eine ungeschriebene Norm zu sein, dass man sich kompliziert ausdrücken soll. Wie bewusst oder unbewusst das geschieht, kann ich nicht sagen. Aber es gibt auch dort klare Gegenstimmen: Eine Professorin sagte einmal in einem Seminar, wenn man einen Text nicht verstehe, habe der Autor oder die Autorin mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht so viel zu sagen und verstecke sich hinter Wörtern, die gut klingen.
Drittens werden Menschen an Bildungsinstitutionen kaum schreibsozialisiert. Sie erhalten selten Inputs dazu, wie ein Schreibprozess aussehen kann und welche Hürden einen dabei erwarten – geschweige denn, wie man sich verständlich ausdrückt. So entsteht auch kein Bewusstsein dafür, was man beim Schreiben eigentlich tut.
Wenn man keine Inputs zum Schreibprozess oder zur Verständlichkeit erhält, entsteht auch kein Bewusstsein dafür, was man beim Schreiben eigentlich tut.
Ihr betont im Buch die Bedeutung eines klaren roten Fadens in Fachtexten. Was sind die häufigsten Denkfehler, wenn Fachpersonen ihre Inhalte strukturieren?
Viele überlegen sich nicht, wer die Leser:innen sind. Sie schreiben aus der eigenen Expert:innenperspektive, statt sich zu fragen: Was weiss mein Gegenüber? Was weiss es noch nicht? Was ist die Motivation, meinen Text zu lesen? Was muss die Person unbedingt mitnehmen? Sobald man sich in sein Gegenüber hineinversetzt, beginnt man, Inhalte neu zu denken – und damit verändert sich auch der rote Faden.
Ein weiterer Irrtum ist, dass ein Text im stillen Kämmerlein entstehen muss. Das soll er gar nicht: Text ist eine Form, flüchtige Gedanken in eine feste Form zu giessen. Deshalb lohnt es sich, über Ideen und Texte zu reden – sei es in der Kaffeepause oder in einer extra dafür geplanten Sitzung. Im Sinne des Konstruktivismus wird Wissen gemeinsam generiert, und gemeinsam generiertes Wissen ist in meiner Erfahrung oft reichhaltiger als Gedanken, die man nur alleine durchdenkt. Deshalb empfehlen wir in unseren Kursen immer: Sucht euch Gesprächspartner:innen und sprecht über euren roten Faden – so gewinnt ihr gedankliche Klarheit, bevor ihr überhaupt einen Satz schreibt.
Du arbeitest seit vielen Jahren als Schreibcoach. Welche Gemeinsamkeiten beobachtest Du bei Schreibblockaden – unabhängig von Branche oder Erfahrungsniveau?
Gewisse Schreibblockaden entstehen, weil die Leute noch keine gedankliche Klarheit haben. Sie wissen schlicht noch nicht, was sie schreiben wollen. In diesen Fällen sprechen wir über zentrale Inhalte, wichtige Botschaften und den roten Faden. Hat man eine konkrete Vorstellung vom Text, fällt das Loslegen viel leichter.
Andere Blockaden haben mit dem eigenen Anspruch zu tun: Wer von sich erwartet, sofort den perfekten Text zu schreiben, beginnt meistens gar nicht und prokrastiniert. In solchen Fällen hilft das Schreibprozess-Modell: Wenn Menschen verstehen, dass Schreiben ein komplexer Prozess ist und es normal ist, eine Textstelle viele Male zu überarbeiten, nimmt das eine riesige Last von den Schultern.
Und manchmal ist es die Schreibkultur im Unternehmen selbst: Wenn Vorgesetzte Texte kritisieren, ohne zu sagen, was sie stattdessen wollen, entstehen Schreibhemmungen. In solchen Fällen versuchen wir, die Selbstwirksamkeit der Menschen zu stärken und mit ihnen durchzusprechen, wie sie mit ihren Vorgesetzten kommunizieren können, um klarere Rückmeldungen zu erhalten.
Schreibblockaden können entstehen, wenn man noch keine gedankliche Klarheit hat, wenn man von Anfang an den perfekt Text schreiben will, oder wenn es im Unternehmen keine positive Schreibkultur gibt.
Wenn Du nur einen einzigen Impuls aus Eurem Buch zum Thema «Fachtexte schreiben» weitergeben dürftest – welcher wäre das?
Habe Mut zur Lücke – und den Mut, dich verständlich auszudrücken. So hast Du alle mit im Boot: diejenigen, die viel vom Fach verstehen, und diejenigen, die sich dem Thema erst annähern. So kommt Dein wertvolles Fachwissen bei Deinen Leser:innen wirklich an. Und gerade jetzt, wo viele Menschen das Schreiben und stellenweise auch das Denken an die KI auslagern, scheint mir das besonders wichtig zu sein: Schreiben ist ein Handwerk, das man erlernen kann – und das es wert ist, erlernt zu werden.
Hier findest Du die ganze Podcast-Folge
Dieser Blogbeitrag fasst das Wesentliche aus der Podcast-Folge «Fachtexte stilsicher und gehirngerecht schreiben» zusammen. Das ganze Gespräch findest Du auf Education Minds oder auf Spotify.

