Blogbeitrag 4: Gendergerechte Sprache

Nun sag, wie hast du’s mit der gendergerechten Sprache?

Die gendergerechte Sprache ist ein heisses Eisen. Die Eine meint: «Völliger Blödsinn!», der Andere sagt: «Ein Muss!» Meines Erachtens ist es immer gewinnbringend, wenn man sich mit diesem Thema auseinandersetzt, denn man schult dadurch nicht nur sein Sprach-, sondern auch sein Weltbewusstsein. Aber alles der Reihe nach …

Der Diskurs um die gendergerechte Sprache, so erlebe ich es selbst oft, ist emotionsgeladen. Das hat mehrere Gründe: Vertreter*innen eines konservativen Standpunkts möchten die Sprache bewahren, der Sprachwandel soll möglichst verhindert werden (obwohl sich Sprache schon immer verändert hat; man denke beispielsweise an die Landsmännin, die man heute Landsfrau nennt). Andere plädieren für einen kreativen Sprachgebrauch, befürworten Wortschöpfungen oder die Verwendung von Sonderzeichen, um die Gleichstellung der Geschlechter zum Ausdruck zu bringen.

Gerade die Bezeichnung des Geschlechts mithilfe der Sprache ist grundlegend problematisch im Deutschen. Der Zusammenhang zwischen dem grammatischen Geschlecht (Genus) und dem biologischen Geschlecht (Sexus) respektive dem sozialen Geschlecht (Gender) ist Gegenstand hitzigster Diskussionen. Das hat mit der Auffassung zu tun, dass das biologische das grammatische Geschlecht bestimme, was heikel ist, da dem sprachlichen Maskulinum respektive Femininum Geschlechterstereotypen als Attribute zugeschrieben werden. Aber das Genus ist eigentlich ein Mittel, um Substantive in Klassen zu ordnen. Mit Geschlecht hat das ganz grundsätzlich nichts zu tun.

Die Position, das Genus sei vom natürlichen Geschlecht bestimmt, wird spätestens dann infrage gestellt, wenn es um Begriffe geht, deren grammatisches Geschlecht nichts über das natürliche Geschlecht aussagt. Von belebten Substantiven wie die Maus oder der Hase lässt sich nicht auf das biologische Geschlecht schliessen, denn mit diesen Bezeichnungen ist jeweils das weibliche wie auch das männliche Tier gemeint. Und kann denn die Dumpfbacke nur eine Frau sein oder der Mensch nur ein Mann, weil das grammatische Geschlecht weiblich respektive männlich ist?

Ich denke, es gilt festzuhalten, dass Sexus nur eine mögliche Nebendeutung von Genus ist. Leider ist dieses sexualistische Verständnis tief in unseren Köpfen eingebrannt. Problematisch dabei ist, dass Inner- und Aussersprachliches vermischt und kein Unterschied zwischen Genus und Sexus gemacht wird: Dem Genus werden dadurch Attribute zugeschrieben, die Geschlechterstereotype beinhalten. Ob wir diese Denkweise aber auflösen können, bezweifle ich – nicht zuletzt aus dem Grund, da eben sehr viele auch sprachkompetente Menschen diesem Muster verfallen sind.

Vertreter*innen der feministischen Linguistik argumentieren ebenfalls von diesem Standpunkt aus. Sie gehen davon aus, dass wir in einem patriarchalen Kulturkreis leben und unsere Sprache diesen gesellschaftlichen Zustand abbildet. Deshalb vertreten sie eine sprachpolitische Forderung: Die Sichtbarmachung von Geschlechtlichkeit. Doch hier geht es nicht mehr nur um das biologische (Sexus), sondern um das soziale Geschlecht – um das Gender. Schreibweisen, mit denen versucht wird, die Gleichstellung der Geschlechter zum Ausdruck zu bringen, sind etwa das Binnen-I, der Gender-Stern oder der Gender-Gap. Kritisiert wird daran oft, dass sie kommunikationshemmend wirken und die Sprache weniger effizient machen. Ausserdem – und das kann ich nachvollziehen – entsteht eine weitere Problematik bei der gesprochenen Sprache: Die typografische Sichtbarmachung von mitgemeinten Geschlechtsidentitäten ist kaum möglich.

Doch kommen wir nochmals auf die eingangs gestellte Frage zurück: Ist gendergerechte Sprache nun ein Blödsinn oder ein Muss? Ich selbst bin der Meinung, dass wir – zwar fälschlicherweise – den Zusammenhang von Genus und Sexus respektive Gender so verinnerlicht haben, dass wir ihn auch auf der sprachlichen Ebene abbilden wollen. Und das befürworte ich, weil ich fest davon überzeugt bin, dass Sprache nicht nur ein Ausgangspunkt ist, um unsere Lebenswelt zu begreifen, sondern auch ein Instrument, diese zu gestalten. Wenn wir uns gegen eine Sichtbarmachung von Gender im grammatikalischen Geschlecht (Genus) in Texten wehren, tradieren wir implizit auch vorhandene Geschlechterstereotypen respektive männliche Herrschaftsvorstellungen.

Ich danke Anna, Julia und Dave für die kritische Lektüre dieses Beitrags.

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